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Dienstag, 18. Juni 2024
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Oder: Das Internet wird immer unseriöser

Editorial: Das Super-Golf-Leasing-Schnäppchen-Angebot vom eMail-Anbieter

Da hat man irgendwann in den Frühzeiten des Internets einmal eine eMail-Adresse bei GMX besorgt und seither zwar selten genutzt, aber doch einmal aufgehoben - schließlich ist die anonym, und man weiß ja nie... Inzwischen wird man als "GMX-Mitglied" bezeichnet und erhält mindestens zwei Mails pro Woche auf diese Adresse. Keine privaten Grüße, keine geschäftlichen Anfragen, nein, Post vom Anbieter selbst. Das eine ist ein großer bunter Newsletter mit den sogenannten "Themen der Woche", der einen zu Stern.de weiterleitet, das andere nennt sich "GMX Best Price" und zielt auf die allgegenwärtigen Schnäppchenjäger ab, auch wenn das Image dieser Gruppe in jüngster Zeit rapide gesunken ist, nachdem solcherart Einkaufsverhalten in manchen Medien unreflektiert für Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht wurde. Geiz ist geil also, auch bei GMX, und wenn man normalerweise neue Handys, Computer oder ähnlichen elektronischen Schnickschnack angeboten bekommt, so geht es diese Woche um ein Auto - ja, selbst beim Löschen oder sofortigen Verschieben der Mail fällt das ins Auge.

Man könne "supergünstig einsteigen" diese Woche, heißt es da, und eigentlich ist es schon fast schade, dass das Wortspiel auch noch erklärt wird. Angeboten wird ein Golf V 1,9 TDI ("TDi"), und dass man diesen als "brandneu" und "spritzig" bezeichnet, mag noch erträglich sein. Kosten soll das Fahrzeug im Leasing nur "schmale" 199 Euro, und zwar "statt 292 Euro" im Monat. Man spare damit "über 3.300 Euro", heißt es weiter. Aha, es geht wohl um einen Dreijahresvertrag.

Nun wird mein Interesse geweckt, natürlich nicht, weil ich mir ausgerechnet via GMX einen Golf leasen wollte, sondern aus rein journalistischen Motiven. Also los, ab zu GMX, und als ich irgendwann mein Kennwort finde, kann ich mich auch einloggen. Dort erwartet mich ein Bild des Golf (und wenn mich nicht alles täuscht, wurde hier glatt ein Pressefoto für Werbezwecke verwendet), dazu ein Sixt-Logo und auch noch eines von "getmobile.de". Die Verwirrung beginnt...

Der Golf wird angepriesen mit der 5-Sterne-Bewertung in der Zeitschrift "Auto-Motor-Sport" (die sich noch nie so geschrieben hat), und ein Zitat aus ganzen drei Worten aus dem Testbericht wird auch noch wiedergegeben. Ansonsten sei der Golf deswegen so toll, weil er "Vierkanal ABS" habe (einen Bindestrich für diese inzwischen serienmäßig nahezu in allen Autos vorhandene Ausstattung spendieren wir gerne) und "verstellbare Kopfstützen", außerdem so tolle Dinge wie "Doppel-Hauptscheinwerfer mit Streuscheibe" und "Gepäcksicherung" (?). Von Kopfairbags oder ESP ist dagegen nicht die Rede. Interessant auch, dass es kein Bild des angepriesenen Radios gibt, und der abgebildete Golf zweitürig ist, das Angebot aber sich auf die viertürige Variante bezieht. Steht dort zumindest.

Wer Interesse hat, muss sich weiter durchklicken und landet dann bei getmobile.de. Auch hier gibt es das gleiche Bild und etliche teilweise sinnentstellende Rechtschreibfehler, doch interessanter ist, dass hier das nie genauer bezeichnete reguläre Angebot nicht mehr bei 292 Euro liegt, sondern bei 212, womit die rechnerische Ersparnis 20 Euro beträgt und nicht über 90 Euro. Diese 20 Euro von 212 Euro werden dann auch noch als "10% Ersparnis" bezeichnet. Aber egal, weiter, jetzt bin ich neugierig auf das Antragsformular. Von getmobile.de ist hier plötzlich nichts mehr zu lesen, sondern nur noch von Sixt. Die Leasingrate? 190,99 Euro monatlich, inkl. Steuer, es wird also plötzlich wieder billiger. Die einmalige "Mietsonderzahlung" wird dagegen netto angegeben, stimmt aber wenigstens mit den Brutto-Angaben von GMX und getmobile.de überein, wenn man dort auch aufgerundet hat.

Interessant auch, dass im Antragsformular nur Radio und Metalliclack als Extras angegeben sind, nicht aber etwa die vier Türen oder die "Climatronic", die stellenweise aber auch als "Klimaanlage" bezeichnet wird, was bei VW bekanntlich ein Unterschied ist. Die Vermutung, dass es sich um einen EU-Reimport handelt, ist deswegen nicht von der Hand zu weisen. Prinzipiell spricht dagegen ja auch nichts, nur wäre man als Kunde sicher gerne besser informiert. Wie sieht es etwa mit der Garantie aus? Sind die Wartungsintervalle gleich? Ist die sonstige Ausstattung mit den deutschen Modellen vergleichbar, oder gibt es im GMX-Golf möglicherweise tatsächlich kein ESP?

Nun ja, ich surfe also direkt zu Sixt, um einmal nach den dortigen Angeboten zu schauen. Nachdem der Golf konfiguriert ist, wird plötzlich eine Registrierung mit persönlichen Daten verlangt, ohne die das Angebot nicht angezeigt wird. Nun gut, was tut man nicht alles für ein schönes Editorial, doch auch hier lohnt die Mühe nicht. "Die gewünschte Seite kann nicht angezeigt werden", heißt es auch bei mehrfachen Versuchen. Na prima. Auch eine Vergleichsrechnung auf der VW-Website scheitert, weil der Preis des konfigurierten Golf nicht an die Leasing-Berechnung weitergegeben wird und diese nicht einmal mehr eine Fehlermeldung auswirft. Schöne neue Technikwelt.

Und die Moral von der Geschicht? Nun, wer lesen kann, ist deutlich im Vorteil, und eine gesunde Skepsis vor allzu toll angepriesenen Angeboten ist allemal angesagt. Die Aktion ist aber auch ein "schönes" Beispiel dafür, warum das Internet in Bezug auf Ernsthaftigkeit und Image immer mehr abfällt - hier tummeln sich einfach viel zu viele Schwätzer, selbsternannte Spezialisten, tolle Hechte, Besserwisser und unseriöse Anbieter - von Betrügern und schlimmeren Verbrechern ganz zu schweigen -, die trotz ihrer absoluten Minderheit das ganze Web in Verruf bringen. Auch ist es unmöglich, wenn selbst große Anbieter ihre Technik nicht im Griff haben.

Mag durchaus sein, dass das Angebot letztlich preislich wirklich gut ist - Sixt ist jedenfalls grundsätzlich nicht gerade für hohe Preise bekannt. Die Lust darauf ist aber völlig weg, und man fragt sich, ob die Anbieter ihre Kundschaft wirklich für so dämlich halten, sich mit so etwas zu beschäftigen. Noch dazu, wo die "exclusive" Offerte gerade einmal 36 Stunden gilt. Ohne mich, besten Dank. (hsr)
text  Hanno S. Ritter
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